27. - 29. Januar 2005: Rio de Janeiro - In der Gefährlichsten aller Städte

Auch auf der Busfahrt nach Rio de Janeiro waren wir, wie schon den Tag zuvor, ständig damit beschäftigt irgendwelche Wetterverbesserungen am Himmel zu beobachten. Leider sah es, totz allem Optimismus, weiter verdammt nach Regen aus. So ging es vorbei an Angra dos Reis, auf einer der angeblich landschaftlich schönsten Straßen Brasiliens, im Regen Richtung Rio. Irgendwann kamen wir von der Strandstraße weg und die Landschaft wurde merklich bergiger (eigentlich war sie das vorher auch schon, die Berge sahen halt einfach anders aus). Zwischen den Bergen zeigten sich hier und da auch schon die ersten größeren Favelas (so werden die Armenviertel Brasiliens genannt) und neugierig hielten wir nach dem Zuckerhut Ausschau. Als die vereinzelten Armenviertel einer einzigen großen Favela wichen und der Bus bedrohlich langsamer wurde (NEIN! Hier will ich nicht aussteigen), waren wir dann in Rio angekommen. Was gibt es Schöneres, als an einem verregneten Tag in einer riesigen unbekannten Stadt, die nicht nur gefährlich aussieht, sondern vor der mich auch jeder schon im Voraus gewarnt hatte, das wir gleich an der ersten Ecke überfallen werden würden, mit einem Haufen Gepäck auszusteigen und als offensichtlicher Tourist verloren in der Gegend herumzustehen?? (mir fällt da eine Menge Besseres ein ...)
Misstraurig um uns blickend, liefen wir zur nächsten Touri-Info und erkundigten uns nach einem Hotel. Dort sprachen uns 2 Franzosen an, ob wir nicht ein Taxi teilen wollten. Gesagt, getan, fuhren wir auch gleich mit zu deren Hotel, welches sehr nett aussah, aber leider schon voll war. Also noch einmal ins Taxi und zu dem von der Info empfohlenen Hotel gefahren. Leider konnte der Taxifahrer wohl nicht lesen (zugegeben hat er es aber nicht) und nachdem ich ihm 3 mal die Karte mit der Anschrift und der Anfahrtsbeschreibung des Hotels unter die Nase gehalten habe und er immer noch nach dem Name der Straße fragte, machte ich mich selbst an die Deutung der Karte und erklärte ihm wo wir hinwollten. Leider war das alles nicht wirklich eindeutig und bei dem Verkehr in Rio (STAU!) brauchten wir ewig zu der von mir angegebenen Straße. Als wir dann dort waren, war mir auch klar, dass das Hotel wohl doch auf der ganz anderen Seite der Straße war, und fluchend fuhr der Taxifahrer wieder los in die andere Richtung. Das ganze mit einem Fahrstil der jeglicher Beschreibung entbehrt und mir in dem Moment die größere Gefahr für mein Leben erschien, als die ganzen Gangster da draußen. Irgendwann meinte der Taxifahrer dann, das wir fast da sind und aussteigen sollten. Das taten wir auch und tatsächlich war das Hotel gleich um die Ecke.
Nachdem wir eingecheckt und uns kurz erholt hatten, ging es mit dem absoluten Minimum an Wertsachen und natürlich ohne Kamera (*schluchz*), Richtung Zuckerhut, der uns auch auf der Taxifahrt schon freudig entgegen gestrahlt hatte. Ach ja, auf der Taxifahrt hatte sich auch die ganze Stadt von der Favela zu einer richtigen Prachtstadt gemausert: Monströse Paläste, Regierungsgebäude, moderne Hochhäuser, Shoppings und natürlich jede Menge Hotels machten richtig Lust auf Urlaub.
Zurück zum Zuckerhut! Vorbei an einem Militärgebiet (die Einheimischen laufen immer auf der rechten Straßenseite, bloß nicht auffallen!!), einer Universität und einem Museum, kamen wir nach kurzen Marsch an die Talstation. Leider lag die Spitze des Zuckerhuts versteckt im Wolkenbett und ließ die Befürchtung aufkommen, dass wir von da aus nicht allzuviel sehen werden können. Egal, Zuckerhut gehört dazu, also kauften wir Eintrittskarten und warteten noch eine halbe Stunde auf die nächste Gondel. Von der Zwischenstation hatte man dann schon eine wirklich tolle Aussicht auf die Stadt, das Meer, den Strand und natürlich die Favelas. Mit einer weiteren Gondel ging es dann hoch zum eigentlichen Zuckerhut. Von da oben sahen wir nicht nur sehr wenig, sondern genau genommen überhaupt nichts. Um den Berg hatte sich eine hartnäckige Wolkenmassen festgekrallt, die auch in absehbarer Zeit definitiv nicht verschwinden würde. Also gab es auf dem Zuckerhut nur eine absolute Nebelsuppe und Regen dazu. Nach einem kurzen Rundumblick entschieden wir uns darum, auch gleich die nächste Gondel zurück zu Zwischenstation zu nehmen. Dort gab es zwar keine Wolken, aber regnen tat es auch :-( Langsam wurde es dunkel und die ersten Lichter der Stadt gingen an. Das war schon ein unbeschreiblich schöner Ausblick von da oben, wie sich die Lichter der Favelas wir Teppiche über die Berge legten. Von da oben konnte man sich durchaus vorstellen, warum Rio von vielen Leuten als die schönste Stadt der Welt bezeichnet wird. Währenddessen wurde in einem Konzertsaal da oben unentwegt für eine Show geprobt und nachdem die Sängerin dann zum ungefähr 120 Mal die selbe Zeile gesungen hatte, wurde es langsam nervig. Kalt war es sowieso schon und so stiegen wir nach einem letzten sehnsüchtigen Blick auf die Stadt (Sehnsucht wonach? Keine Ahnung, vielleicht Geld?) wieder in die Gondel und machten uns auf den Rückweg. Nach einem leckeren Mahl (Sushi) im nahen Shopping Center, ließen wir uns vom Hotel Menschen überzeugen, abends noch zur Generalprobe einer Sambaschule zu fahren. Da die Probe allerdings in einer Favela stattfand, stellte sich wieder das bekannte flaue Gefühl im Magen ein. Jedoch wurde für unsere Sicherheit garantiert und so packte ich neben Geld auch gleich noch meine Kamera ein. Nach einer etwa halbstündigen Stadtrundfahrt kamen wir am Ziel an und schon von draußen erfüllte die ungeheure Lautstärke und der Sambarhythmus der Musik die Luft. Als wir dann drinnen waren, war die Musik so ohrenbetäubend laut, dass ich dachte jetzt platzen mir wirklich gleich die Trommelfelle. Einmal hörte die Musik kurz auf und das anschließende Pfeifen in den Ohren war noch um einiges schlimmer, so dass ich nur hoffte die Musik würde bald wieder anfangen. Was sich da vor uns abspielte, war zwar wesentlich anders als erwartet (ich dachte da an etwa 5 - 10 halbnackte Frauen, die den Rest des Abends für uns tanzen würden), aber dennoch auf jeden Fall beeindruckend: Eine riesige Menschenmenge lief im Kreis und tanzte dazu im Sambarhythmus. Das Erstaunliche war, dass die Leute ganz normale Klamotten anhatten. Wo waren die ganzen tollen Kostüme? Nach einer Weile warten, erspähten wir dann auch 5 Paare, die wohl so etwas wie die Vortänzer waren. Die hatten schon schicke Kostüme an und die Frauen trugen die ganze Zeit während der Parade, die riesigen und offensichtlich auch schweren Fahnen der Sambaschule in der Hand. A propos, die Sambaschule hieß Caprichosos de Pilares und die traditionellen Farben sind weiß und blau. Neben den ganzen Tänzern (Männer und Frauen, auch richtig kleine Kinder waren dabei, die das auch ausgesprochen gut schon gemacht haben), gab es noch eine riesige Band, die hinterher marschierte. Und schließlich standen auf der Bühne noch ein paar Sänger, die irgendwas sangen, immer das Gleiche, was ich nicht verstand, aber vermutlich handelte es sich dabei um das so genannte "Samba Enredo", eine jede Schule hat da ihr Lied. Und die Caprichosos singen dauernd "Hoje é Carnaval" (Heute ist Karneval). Als ich mir das ganze bunte Treiben so anschaute, erschien es mir einmal wieder ziemlich schwachsinnig eine Woche vor Karneval nach Rio gekommen zu sein. Das ganze sah nach einer verdammt geilen Festa aus und wer zum Teufel hatte mir eingeredet, dass Karneval blöd ist? (ich weiß schon wer das war, die gleiche Person, die meinte dass es in Bolivien und Peru nie kälter als 18°C wird und die fast meinen Kältetod zu verantworten gehabt hätte...)
Unsicher oder gefährdet fühlte ich mich an diesem Abend nur einmal, als ich gerade mit meiner Digicam ein schönes Video der ganzen Veranstaltung gefilmt habe (welches leider später aufgrund der Unfähigkeit einer Hotelmitarbeiterin in La Paz abhanden gekommen ist), tauchte plötzlich direkt vor mir eine Gruppe von 5 Schwarzen auf. Alle nur mit extra coolen Klamotten, alle eine fette Goldkette um den Hals und eine verdammt teure Uhr ums Handgelenk. Als Favelakenner (ich habe immer 2 mal den Film "Cidade de Deus" - "Die Stadt Gottes" gesehen) war mir natürlich sofort klar, dass es sich hier nur um die Drogenbarone des Viertels handeln konnte. Blitzschnell ließ ich meine Kamera verschwinden und machte mich unauffällig aus dem Staub.
Nach etwa 2 Stunden (unsere Beine ließen sich seit längerer Zeit nicht mehr davon abhalten im Sambarhythmus mitzuwippen) machten wir uns dann auf den Heimweg. Nachdem wir eine Weile im Stau standen, weil es wieder mal ein Bus geschafft hatte mit einem Taxi zu kollidieren, was bei der Fahrweise beider Fahrzeuge kein Wunder ist, stiegen wir aus und liefen die letzten Meterl. Nach einem Blick auf die Christusstatue, die nachts beleuchtet und weithin sichtbar ist, kehrten wir zum Hotel zurück und schliefen ein.

Am nächsten Tag machten wir dann einen ausgedehnten Stadtrundgang, vorbei an allen wichtigen Gebäuden und einer wirklich schönen Kirche, am Strand von Ipanema entlang zur Festung am Strand von Copacabana. Die Copacabana war bei dem Regenwetter, was wir auch an diesem Tag hatten, fast total verlassen war. Nur die vielen herumstehenden Wachleute deuteten darauf hin, was hier bei Sonnenschein für ein Andrang herrschen musste. Überhaupt schienen sich alle Einheimischen und insbesondere alle Räuber und Mörder an diesen Tagen in ihren Häusern verkrochen zu haben. Wir wurden nicht überfallen und, im Gegensatz zu Belo Horizonte, wurden auch keine anderen Leute vor meinen Augen überfallen. Die Straßen waren voller bleichgesichtiger Touristen (ich zähle mich mal nicht mit dazu *hehe*), hauptsächlich Deutscher, und weit und breit waren keine Diebe zu sehen (oder sie waren als Touristen getarnt?). So kann ich Rio de Janeiro, einmal abgesehen von dem miesen Wetter, nur in bester Erinnerung behalten und der ToDo-Liste einen weiteren Eintrag hinzufügen: "Wieder nach Rio kommen!".

An unserem Abschiedstag begrüßte uns die Sonne in der Nähe des Flughafens mit einem strahlenden Lächeln und der Taxifahrer erzählte mir stolz, dass wenn die Sonne so über den Christus strahlt, es ein herrlicher Sommertag werden wird. Super, das hört man gern *grummel*. Wir verpackten unser Gepäck flugsicher und checkten ein Richtung La Paz.